ABB Automation Extended: Eine neue Philosophie der störungsfreien Modernisierung
Das Programm ABB Automation Extended steht für einen grundlegenden Wandel in der Weiterentwicklung verteilter Leitsysteme (DCS) in industriellen Umgebungen. Statt bestehende Automatisierungsinfrastrukturen zu ersetzen, führt es ein fortschrittliches Modernisierungsmodell ein, das die Betriebskontinuität wahrt und gleichzeitig schrittweise Innovation ermöglicht.
Im Kern erkennt die Initiative eine zentrale industrielle Realität an: Die meisten Prozessindustrien können sich weder Stillstandszeiten noch radikale Systemumbauten leisten. Durch die Weiterentwicklung etablierter Plattformen wie ABB Ability™ System 800xA®, Symphony® Plus und Freelance verlängert ABB effektiv den Lebenszyklus bewährter Leitsysteme, anstatt den Betrieb zu unterbrechen.
Aus ingenieurtechnischer Sicht handelt es sich dabei nicht nur um eine Upgrade-Strategie, sondern um eine strukturelle Neugestaltung der Art und Weise, wie sich Automatisierungsökosysteme über Jahrzehnte weiterentwickeln.
Trennung der Zuständigkeiten: Schutz sicherheitskritischer Steuerungen
Eines der wichtigsten Architekturprinzipien hinter Automation Extended ist die Trennung der Zuständigkeiten zwischen Steuerungs- und digitalen Umgebungen.
Die Steuerungsebene bleibt deterministisch, stabil und äußerst zuverlässig und gewährleistet eine unterbrechungsfreie Prozessausführung. Die digitale Ebene hingegen schafft Flexibilität für Analysen, KI-gestützte Optimierung und IoT-Integration.
Diese Trennung ist in der industriellen Automatisierung entscheidend. Sie verhindert, dass experimentelle oder sich schnell weiterentwickelnde digitale Technologien die Echtzeit-Steuerungslogik beeinträchtigen. In der Praxis entsteht dadurch eine „sichere Innovationsgrenze“, an der Ingenieure neue Funktionen einführen können, ohne die Anlagensicherheit oder Produktionsstabilität zu gefährden.
Meiner Ansicht nach ist dies eine der pragmatischsten Designentscheidungen von ABB – sie zeugt von einem tiefen Verständnis für die betrieblichen Risiken der Schwerindustrie.
Industrielle Intelligenz durch eine digitale Ebene ermöglichen
In der digitalen Umgebung der ABB-Architektur wird die Transformation greifbar. Durch den Einsatz von Edge Computing, KI und maschinellem Lernen ermöglicht sie fortschrittliche Funktionen wie vorausschauende Wartung, Anomalieerkennung und Prozessoptimierung.
Im Gegensatz zu herkömmlichen DCS-Erweiterungen sind diese Funktionen nicht direkt in das Leitsystem eingebettet. Stattdessen arbeiten sie als modulare, lose gekoppelte Dienste, die über sichere Schnittstellen verbunden sind.
Dieser Ansatz ermöglicht es Anlagenbetreibern, Innovationen in ihrem eigenen Tempo einzuführen. Außerdem reduziert er den Engineering-Aufwand, der typischerweise mit der Modernisierung älterer Systeme verbunden ist, da die Intelligenz schichtweise und nicht als eingebettete Funktion hinzugefügt wird.
Aus Sicht des Field Engineerings ist dies ein bedeutender Schritt hin zu praktischer industrieller KI – nicht theoretisch, sondern innerhalb bestehender Rahmenbedingungen einsetzbar.
Cloud-native und OPC-UA-Backbone: Auf dem Weg zu einem offenen Automatisierungsökosystem
Die Einbindung einer Cloud-native-Architektur und eines OPC-UA-Backbones durch ABB signalisiert einen umfassenderen Wandel der Industrie hin zu Offenheit und Interoperabilität.
Containerisierung und Orchestrierungstechnologien ermöglichen die Bereitstellung von Automatisierungsanwendungen in modularen Einheiten und verbessern dadurch Skalierbarkeit und Lebenszyklusmanagement. OPC UA wiederum gewährleistet eine standardisierte Kommunikation zwischen Geräten, Systemen und Anbietern.
Diese Kombination verwandelt den Automatisierungs-Stack in ein stärker an der IT ausgerichtetes Ökosystem, ohne die Zuverlässigkeit auf Industrieniveau zu beeinträchtigen.
Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht in der Einführung der Technologie, sondern in der Governance – also darin, eine konsistente Cybersicherheit, Versionskontrolle und ein einheitliches Lebenszyklusmanagement sowohl in Cloud- als auch in On-Premises-Umgebungen sicherzustellen.
Ingenieursperspektive: Praktische Innovation statt Umbruch
Aus meiner Sicht als Automatisierungsingenieur liegt der größte Wert von Automation Extended in seiner Realitätsnähe. Viele Initiativen zur digitalen Transformation scheitern, weil sie davon ausgehen, dass Anlagen rund um neue Technologien komplett neu aufgebaut werden können. ABB erkennt hingegen an, dass Betriebskontinuität nicht verhandelbar ist.
Diese Strategie ersetzt ältere Systeme nicht, sondern verlängert ihre Relevanz. Gleichzeitig versetzt sie Ingenieure in die Lage, Innovationen in kontrollierten Schichten einzuführen und dadurch Projektrisiken sowie die Komplexität der Inbetriebnahme zu reduzieren.
In der Praxis bedeutet dies weniger „Big-Bang“-Migrationen und mehr kontinuierliche, beherrschbare Entwicklungszyklen. Für Branchen wie Öl und Gas, Energieerzeugung und Chemie ist dies ein deutlich nachhaltigeres Modell.
Fazit: Ein skalierbarer Weg in die Zukunft der DCS
ABB Automation Extended ist nicht nur ein architektonisches Upgrade, sondern ein strategischer Rahmen für die nächste Generation der industriellen Automatisierung.
Durch die Kombination aus dem Designprinzip der Trennung von Zuständigkeiten, Cloud-nativen Technologien und der tiefen Integration etablierter DCS-Plattformen entsteht ein skalierbarer Weg hin zu intelligenten, adaptiven und resilienten Industriesystemen.
Die zentrale Erkenntnis ist einfach: Modernisierung muss nicht länger disruptiv sein. Sie kann kontinuierlich, kontrolliert und an der betrieblichen Realität ausgerichtet erfolgen.

